„Du hast mein Bild von den Deutschen verändert"

August 08, 2026 00:26:36
„Du hast mein Bild von den Deutschen verändert"
Postels Stimmen
„Du hast mein Bild von den Deutschen verändert"

Aug 08 2026 | 00:26:36

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Show Notes

Vier Jahre baute Schwester Theresita Maria in der Normandie am Haus des Friedens mit – dort, wo der Orden seinen Ursprung hat

„Die Deutschen haben meinen Vater deportiert und ermordet." Mit diesem Satz empfing ein älterer Pater Schwester Theresita Maria, als sie sich kurz vor Weihnachten zur Beichte vorstellte. Sie war erst wenige Wochen in Sainte-Mère-Église, dem ersten Dorf, das die Alliierten am 6. Juni 1944 auf dem französischen Festland befreiten. Solche Begegnungen erlebte sie öfter. „Man ist es eigentlich nicht gewöhnt, als Deutsche so missachtet zu werden", erzählt sie im SMMP-Podcast „Postels Stimmen".

2011 ging die Ordensfrau für vier Jahre in die Normandie. Sie lebte bis dahin in Heiligenstadt und fühlte sich dort wohl. Dann fragte ihre damalige Generaloberin, Schwester Aloisia, ob sie sich Frankreich vorstellen könne. Eine Woche durfte sie überlegen und beten. „Ja, warum nicht?", sagte sie. Ihr Schulfranzösisch kramte sie aus den hintersten Winkeln ihres Gehirns hervor.

Ein Haus, von den Nachbarn getauft

Die Idee kam vom damaligen Bischof der Diözese Coutances zusammen mit der französischen Ordensoberenkonferenz. In Sainte-Mère-Église herrscht bis heute eine Art Kriegstourismus. 14.000 Fallschirmjäger landeten hier in der Nacht zum 6. Juni 1944, am frühen Morgen folgten die Schiffe. Das Ereignis wird groß zelebriert – die Amerikaner als Helden, die Deutschen als Aggressoren. Dem wollte der Bischof etwas entgegensetzen: ein Friedenszentrum.

Drei Ordensschwestern sollten das Haus tragen, jede für ein Land. Eine Französin, eine Amerikanerin als Vertreterin der Befreier und eine Deutsche als Vertreterin der Aggressoren. Weil der Orden der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel seine Wurzeln in der Region hat – gegründet in der Hafenstadt Cherbourg –, kannte der Bischof die französischen Schwestern. Von ihnen, sagte er, könne er sich eine deutsche Schwester vorstellen.

Pfarrei, Bistum und Konferenz kauften ein Haus, drei Meter hinter der Kirche. Den Namen gaben nicht die Schwestern. „Wir haben uns das Wochenende den Kopf zerbrochen", erzählt Theresita Maria. Dann sprachen die Leute aus dem 1.600-Einwohner-Dorf einfach vom „Maison de la Paix", vom Haus des Friedens. Der Name blieb.

Vom Krieg umgeben

Die Kirche von Sainte-Mère-Église gehört zu den meistbesuchten Orten im Dorf. Am Turm hängt die Nachbildung eines Fallschirmjägers, der bei der Landung dort hängen blieb. Gegenüber liegt das amerikanische Airborne Museum. In den Geschäften verkaufen Händler Helme mit echtem Einschussloch. Rund 500.000 Touristen kommen jedes Jahr, vor allem zu den Feiern um den 6. Juni. 2024 jährte sich die Landung zum 80. Mal. Noch immer reisen Veteranen an, viele im Rollstuhl, fast hundert Jahre alt.

Mitten in diesem Betrieb wollten die Schwestern einen anderen Ort schaffen: für Stille, Nachdenken, Versöhnung. Eine baufällige Scheune vor dem Haus sollte zum Friedenszentrum werden. In ihrer Zeit gelang das nicht. Heute steht dort die umgebaute „Grange de la Paix", die Friedensscheune, mit eigenem Eingang von der Straße.

Aus Ablehnung wird Vertrauen

Die Ablehnung wich langsam. Nach gut zwei Jahren brachte ein alter Bauer namens Marcel wie immer Calvados und Cidre vorbei. Im Flur sagte er zum Neffen einer Mitschwester: „Wissen Sie, das war ja nicht leicht, eine Deutsche hier bei uns zu haben. Aber mittlerweile haben wir uns dran gewöhnt." Böse meinte er es nicht. Fuhr Theresita Maria nach Deutschland, drückte er ihr eine Flasche Calvados in die Hand.

Bald erzählten die Leute auch Gutes. Eine alte Dame berichtete von der Besatzungszeit. Ein junger deutscher Soldat klopfte an die Tür und wollte Milch. Sie kam mit ihrem Baby die Treppe herunter. Der Soldat nahm das Kind in den Arm, ihm kamen die Tränen, und er sagte in gebrochenem Französisch: „Ich auch Baby zu Hause." Kein Feind, sagt Theresita Maria, sondern ein junger Mann, dessen Familie weit weg war.

Den schönsten Satz hörte sie zum Abschied. Der Präsident des Museums am Utah Beach, heute auch Bürgermeister, sagte: „Du hast mein Bild von den Deutschen verändert." Da habe sich das Hiersein gelohnt, sagt sie.

Was Frieden heißt

Frieden ist für Theresita Maria mehr als die Abwesenheit von Krieg. Zum Frieden gehöre Gerechtigkeit: dass alle genug zum Leben haben, gleiche Rechte und gleiche Bildungschancen – „was auch in Deutschland leider immer noch nicht der Fall ist". Und dass sich alle Menschen respektiert fühlen, gleich welcher Herkunft, Religion oder Identität.

„Wir beten für den Frieden […], aber das alleine reicht nicht", sagt sie. Sie könne nicht nach Berlin fahren und die Politik zum Frieden auffordern. Anfangen müsse sie bei sich. Die eigenen Gedanken entwaffnen, die Worte, die Blicke. Nicht schimpfen, wenn jemand auf der Autobahn drängelt, sondern fragen, ob der andere vielleicht eine kreißende Frau im Auto hat. Oft habe sie in Frankreich ein Gedicht von Mahatma Gandhi zitiert: Frieden auf der Erde brauche Frieden im Land, in der Stadt, in der Straße, im Haus – und zuletzt im eigenen Herzen. „Fang bei dir selbst an."

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